MALTE WOYDT

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Romantik

“Es mag wohl sein, daß eine besondere Gestirnung dazu gehört, wenn ein Dichter zur Welt kommen soll; denn es ist gewiß eine recht wunderbare Sache mit dieser Kunst. … Bei den Malern und Tonkünstlern kann man leicht einsehen, wie es zugeht … Die Töne liegen schon in den Saiten, und es gehört nur eine Fertigkeit dazu, diese zu bewegen. Bei den Bildern ist die Natur die herrlichste Lehrmeisterin. … Dagegen ist von der Dichtkunst sonst nirgends äußerlich etwas anzutreffen. … Es ist alles innerlich, und wie jene Künstler die äußeren Sinne mit angenehmen Empfindungen erfüllen, so erfüllt der Dichter das inwendige Heiligtum des Gemüts mit neuen, wunderbaren und gefälligen Gedanken. Er weiß jene geheimen Kräfte in uns nach Belieben zu erregen und gibt uns durch Worte eine unbekannte herrliche Welt zu vernehmen. …

Heinrich war von Natur zum Dichter geboren. Mannigfache Zufälle schienen sich zu seiner Bildung zu vereinigen, und noch hatte nichts eine innere Regsamkeit gestört. Alles, was er sah und hörte, schien nur neue Riegel in ihm wegzuschieben und neue Fenster ihm zu öffnen. Er sah die Welt in ihren großen und abwechselnden Verhältnissen vor sich liegen. Noch war sie aber stumm, und ihre Seele, das Gespräch, noch nicht erwacht. Schon nahte sich ein Dichter, ein liebliches Mädchen an der Hand, um durch Laute der Muttersprache und durch Beruhigung eines süßen zärtlichen Mundes, die blöden Lippen aufzuschließen und den einfachen Akkord in unendliche Melodien zu verwandeln …”

aus: Novalis: Heinrich von Ofterdingen. In: ders.: Werke-Briefe-Dokumente. 1.Bd. Die Dichtungen, Heidelberg: Schneider, 1953, S.34-112.

Abb.: Jon Foreman: Fluentem Colos, LittleMilford, im Internet.

07/11

05/08/2011 (8:44) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Monopoly

“… ‘Le jeu le plus vendu au monde’, proclame la firme qui le distribue. … La chose est surprenante. … Le modèle du Monopoly est un capitalisme foncier, paraissant ignorer entièrement le monde de l’entreprise et de la finance. On ne rend pas un bon service aux capitalistes en herbe en leur apprenant à investir leur argent en maisons, en terrains et en hôtels. Ce serait comme si l’industrie du jouet continuait à n’offrir, encore et toujours, que des soldats de la Grande Guerre, des cow-boys et des Indiens, ou des maisons de poupée du XIXe siècle. À la différence des enfants qui croient jouer aux petits hommes d’affaires avec un jeu inadéquat tel que le Monopoly, leurs petits camarades qui veulent jouer à la guerre ou à la maman disposent de missiles et de porte-avions, ainsi que des maisonnettes pourvues de toutes les fonctionnalités modernes.

Pour donner une idée de l’influence contre-éducative exercée par ce jeu, il suffit de citer la règle stipulant que le joueur qui incarne le banquier ‘doit maintenir l’argent de la Banque entièrement distinct de ses fonds personnels, les opérations de banque étant uniquement mécaniques et extérieurs’ au mouvement du jeu. Considérer la banque comme une simple boite à jetons, ignorer que la banque est une entreprise à but lucratif, un protagoniste du jeu économique, c’est un peu excessif. Et c’est très dangereux, car la conception des dettes et des créances qu’inculpe le Monopoly est entièrement imaginaire : les créances sont toujours garanties et les dettes toujours intégralement payées (lorsque le débiteur n’est pas en mesure de faire face à ses engagements, il fait automatiquement faillite, et c’est la banque qui pourvoit au remboursement des créanciers!) …”

aus: Bellocchio, Piergiorgio: Le capitalisme expliqué aux adolescents. In: ders.: Nous sommes des zéros satisfaits. Parais: Encyclopédie des nuisances 2011.

07/11

24/07/2011 (0:41) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Wissenwollen

“Das Wissen, das in Erscheinung tritt, indem es sich anderen mitteilt, ist das gute Wissen, wohl sucht es Beachtung, aber es wendet sich gegen niemanden. Die Ansteckung, die von Lehrern und Büchern ausgeht, sucht sich zu verbreiten. In dieser unschuldigen Phase bezweifelt es sich nicht, es faßt zugleich Fuß und breitet sich aus, es strahlt und will alles mit sich erweitern. Man schreibt ihm die Eigenschaften des Lichtes zu, die Geschwindigkeit, mit der es sich ausbreiten möchte, ist die höchste, und man ehrt es, indem man es als Aufklärung bezeichnet. In dieser Form haben es die Griechen gekannt, bevor es durch Aristoteles in Schachteln gezwängt wurde. Man mag nicht glauben, daß es gefährlich war, bevor es zertrennt und verwahrt wurde. Als der reinste Ausdruck für ein Wissen, das unschuldig war, weil es ausstrahlen mußte, erscheint mir Herodot. Seine Einteilungen sind die der Völker, die verschieden sprechen und leben. Er bekräftigt sie Einteilungen nicht, wenn er von ihnen erzählt, sondern schafft Platz für das Verschiedenste in sich und schafft Platz in den anderen, die durch ihn davon erfahren. In jedem jungen Menschen, der von hunderterlei Dingen hört, steckt ein kleiner Herodot, und es ist wichtig, daß man ihn nicht darüber zu erheben sucht, weil man Beschränkung auf einen Beruf von ihm erwartet.

Nun spielt sich der wesentliche Teil eines Lebens, das zu wissen beginnt, in der Schule ab, es ist die erste öffentliche Erfahrung eines jungen Menschen. Er mag sich auszeichnen wollen, aber viel mehr noch will er Wissen strahlen, sobald es ihn ergreift, damit es ihm nicht zum bloßen Besitz werde. Die Kameraden, die langsamer sind als er, müssen glauben, daß er sich bei den Lehrern einschmeichelt, und halten ihn für einen Streber. Doch er hat keinen Punkt im Auge, den er erlangen will, eben über solche Punkte will er hinaus und die Lehrer in seinen Freiheitsdrang hineinziehen. Nicht mit den Kameraden mißt er sich, sondern mit den Lehrern. Er träumt davon, diesen die Nützlichkeiten auszutreiben, er will sie überwinden. Nur die unter ihnen, die sich den Nützlichkeiten nicht ergeben haben, die ihr Wissen um seiner selbst willen verströmen, liebt er mit überschwenglicher Liebe, diesen huldigt er, wenn er rasch auf sie reagiert, diesen dankt er unaufhörlich für ihr unaufhörliches Verströmen.

Aber mit dieser Huldigung sondert er sich von den anderen ab. vor deren Augen sie sich abspielt. Er beachtet sie nicht, während er sich hervortut. Er ist von keinerlei Übelwollen gegen sie erfüllt, aber er läßt sie aus dem Spiel, sie spielen nicht mit und bestehen nur noch als Zuschauer. Da sie von der Substanz des Lehrers nicht ergriffen sind wie er, vermögen sie nicht wahrzuhaben, daß er’s ist, und müssen meinen, daß er jenen zu niederigen Zwecken in die Hand spielt. Sie grollen ihm für ein Schauspiel, in dem ihnen keine Rolle zufällt, vielleicht beneiden sie ihn ein wenig dafür, daß er durchhält. Aber hauptsächlich empfinden sie ihn als Störenfried, der ihre natürliche Gegnerschaft zum Lehrer verwirrt, die er für sich, aber vor ihren Augen in Huldigung verwandelt.”

aus: Elias Canetti: Die gerette Zunge. Geschichte einer Jugend. München: Fischer TB 1979 (1977), S.242-243.

Abb.: Produkt des Projektes Microsllions: La classe renversée : faire surgir l’inédit possible, Centre d’art contemporain Parc St Léger, 2018. im Internet.

07/11

24/07/2011 (0:12) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Fortschritt 2

“Der Fortschritt hat seine Nachteile; von Zeit zu Zeit explodiert er.”

aus: Elias Canetti: Aufzeichnungen 1942-1948, München: dtv 1969, S.76.

Abb.: Hudi Alfa: Two Side of Story, 2019, gallery1819, im Internet.

04/11

24/04/2011 (22:20) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Probleme

“Persönliche Probleme sind wunderlich verschnürte Pakete, in denen man ein vermeintliches Selbst verkauft. Eine Ware, von der man nicht merkt, wie aus ihr Kapital geschlagen wird. … Eigene Probleme. Wo sitzen die, wenn wir, durch uns hindurchstoßend, in eine tiefe Ungefülltheit brechen, eine großmächtige Leere, von Krümmungen und Verheißungen umflossen, als wären wir dort, im Verstecktesten, durchsichtig geworden auf die Welt. Als wäre dort von uns nichts mehr übrig als nur eine Öffnung, von Herausforderungen durchzittert, tausend eingestreute Felder sind wir, von Fäden durchlaufen, die zueinander gelangen wollen. Dieses Irrlichtern der Fäden, wenn die Zeit stockt, wenn wir ganz Horchen sind und ganz Gewalt

aus: Gertrud Leutenegger: Vorabend. Gütersloh: Bertelsmann, o.J. [1975], S.15/16

Abb.: Andrik Musfalri: Depresi, 2018, indoartnow, im Internet.

04/11

07/04/2011 (23:13) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Jalousien

“Jalousien sollten bei Demonstrationen verboten sein. Besonders geschlossene. Die sind einfach eine blanke Provokation. Wie soll man herrlich überzeugt in einen Sprechchor einstimmen, wenn nur dreißig Meter über dem eigenen Kopf geschlossene Jalousien hangen, jeden Ruf abprallend, undurchsichtig, dich in Zweifel stürzend mit ihrem arroganten Unbeteiligtsein, mit diesem kleinen nahen, auf einmal so wichtig werdenden Raum, den sie dir vorenthalten. …”

aus: Gertrud Leutenegger: Vorabend. Gütersloh: Bertelsmann, o.J. [1975], S.8

04/11

06/04/2011 (22:37) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Autoslachtoffers

“Een voertuig met een laag hangende bumper treft de voetganger onder zijn zwaartepunt. De onderbenen hebben eerst contact met de bumper, vervolgens raken de bovenbenen of het bekken de voorkant van de motorkap en tenslotte smakken de borst en het hoofd van de voetganger op de motorkap. Ondertussen is het voertuig aan het remmen waardoor de voetganger verder naar voor, richting voorruit schuift. Een voertuig met een lage bumper en een motorkap met een grote veerkracht – waardoor de impact voor hoofd en benen zachter wordt – is veiliger. Een voertuig met een hoge bumper of met “bull bars” (u kent ze wel) zal de voetganger boven zijn zwaartepunt raken. Daardoor wordt hij naar voren gekatapulteerd, zonder contact met de motorkap, om dan vervolgens overreden te worden door het remmende voertuig. Hoge bumpers katapulteren de slachtoffers, lage bumpers laten de voetgangers over het voorstuk van de wagen rollen.

aus: Hendrik Cammu: Verzuchting van een weggebruiker. De Morgen, 11.2.2011

Abb.: Le Chat.

02/11

11/02/2011 (11:07) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Trost

“Fand ich mich dumm und häßlich: die Herzogin in Alice im Wunderland war dümmer und häßlicher als ich; war ich todunglücklich verliebt: Anna Karenina und Emma Bovary waren allemal unglücklicher als ich; und fühlte ich mich schlecht, weil ich in einem Laden einen Lippenstift geklaut hatte, wußte ich: Raskolnikoff war schlechter, der hatte nur mal eben so gemordet, weil es sich gerade ergab. Kam mir zu Hause alles eng und klein vor und ich sehnte mich nach Schönheit, dann saß ich mit Mick aus Das Herz ist ein einsamer Jäger von Carson McCulles unter den Fenstern reicher Leute und hörte Mozart. Und wenn ich gar keinen Sinn mehr im Leben sah, dachte ich an Niels Lyhne, der alles falsch gemacht hatte und wenigstens stehend sterben wollte – eine bedenkenswerte Möglichkeit zum Heldentum noch ganz am Schluß. … Wie kommen Nichtleser überhaupt lebend über die Runden?”

aus: Elke Heidenreich: Wer nicht liest ist doof. In: Kursbuch 133, 1998, S.4.

Abb.: Tom Gauld: Monopoly for book lovers, The Guardian online, 26.11.22, im Internet.

12/10

26/12/2010 (1:18) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Machocultuur

“Daar liepen we dan, honderden leerlingen van Antwerpens monsterschool, allemaal blank en tegen racisme, scanderend van “Vlaams Blok, rot op!” en “Nie wieder Faschismus!” Gezellig. In de buurt liepen Marokkaanse jongeren van onze leeftijd. Het was de eerste keer dat ik ze van zo dichtbij zag.

Nou, dat was schrikken. Energiek dat ze waren! Ze renden door de rangen von de betoging en deden aan schaduwboksen, nepworstelen en schijnkarate. En ze liepen in zulke grote groepen! Ik had een of twee vrienden bij me, met wie ik rustig praatte en af en toe slogans riep. Zij waren met zijn twintigen, dertigen tegelijk, allemaal jongens (waar waren de meisjes?), en het leek alsof ze elk moment echt konden gaan vechten.

Wij waren blanke jongen uit de middenklasse. Wij hadden ouders die opgegroeid waren in de jaren zestig. Wij hadden niet geleerd om te gaan met die cultuur van mannelijkheid, fysieke kracht en opzichtige seksualiteit. Wij hadden geleerd dat mannelijkheid iets was waar je zeer mondjesmaat mee omsprong, iets dat leidde tot oorlog, moord en verkrachting. Onbewust minachten we het luidruchtige van de Marokkanen, hun brallerige haantjesgedrag.

Ik had het echt moeilijk, die dag. Ik was zestien en voorzitter van het zelf opgerichte Anti-Macho-Comité. Ik was schrijver van de brochure “De Macho. Herkenen en Ontwijken”. Ik had ze gekopieerd in vijftig exemplaren en op school uitgedeeld. (Oké, ik was raar.) En hier liep ik, op een betoging ter verdediging van macho’s!”

aus: Tom Naegels: Los. Antwerpen/Amsterdam: Meulenhoff/Manteau, 2005, S.78/79

04/10

19/12/2010 (12:03) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Antiquariatsbesucher

“Unsereiner fragt nicht in den Antiquariaten, was zu finden ist, unsereins findet – oder eben nicht. Gespräche mit den Menschen schon, aber nicht gleich und schon gar nicht über das, wonach man Ausschau hält. Hier sind wir Konkurrenten. Der eine möglichst einen guten Preis erzielen, der andere seine Trouvaille machen, und wenn überhaupt, dann verrät man seine Freude erst nach dem Kauf. Ansonsten gilt es, Ruhe zu bewahren, sich die Zeit zu geben. um ohne Hast die Regale so zu durchstöbern, zum wiederholtenmal die Raffinessen der Impressionsvermerke zu überprüfen und, in den überwiegenden Fällen, die zweite, dritte oder wievielte Ausgabe auch immer ins Regal zurückzustellen und den Glauben zu bewahren, daß die Originalausgabe sich schon noch finden läßt und dann zu einem Preis, der einem das Gefühl gibt, der Sieger dieses verschwiegenen Wettkampfes zu sein. Weil man sich in diesem bestimmten Segment der Literatur eben besser auskannte oder weil auch dem Antiquar einmal bei den Preisauszeichnungen die Zeilen des Impressums vor den Augen verschwammen. …

Es ist kein Diebstahl, gelegentlich mehr zu wissen als der Verkäufer, es ist immer ein Spiel. Der Antiquar kauft in “Losen” und bietet einen Preis fürs Ganze, er kauft bei jenem, der’s wieder loswerden will. Es ist seine Profession, die Ware zu kennen und einen angemessenen Preis festzusetzen. Es ist die Obsession des Sammlers, seiner Sucht die notwendige Würze zu geben. Bei alten Büchern gilt wie bei allem, was man sammeln kann: Dem einen ist das Objekt mehr wert als dem anderen. Parbleu! Hélas!

…. Mit einer vollen Plastiktüte verlasse ich den Laden. Jetzt steht mir der Schweiß auf der Stirn, ein Plätzchen im Schatten und die Gitane in den Mundwinkeln – durchatmen, mein Lieber! Zeit zum Freuen, ohne Häme und ganz für mich. Jeden der braunen Bände nacheinander in die Hände genommen, geblättert, gelesen. Und irgendwann wieder zurück in die Realität … und trotz des Fundes noch immer skeptisch auf dem Weg zum nächsten Antiquariat. …

Viele Besucher. Man steht sich im Weg beim Suchen und hört die Gespräche der anderen zwangsläufig mit, erkennt jedoch schnell genug, daß es keiner Spionage bedarf, denn sie suchen anderes. …”

aus: Veit Heinichen: Schätze im Olivenberg, Süddeutsche Zeitung, 16./17.9.1995, S.III

09/95

18/12/2010 (17:15) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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