MALTE WOYDT

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Nationalismus

“Nationalismus ist ein politisches Prinzip, das besagt, politische und nationale Einheiten sollten deckungsgleich sein. … Das Nationalgefühl ist die Empfindung von Zorn über die Verletzung des Prinzips, oder von Befriedigung angesichts seiner Erfüllung. …”

“Die Staatswesen, denen … der Nationalismus … seine Loyalität zukommen läßt, sind kulturell homogen und gründen sich auf eine Kultur, die den Stand einer (schriftgestützten) Hochkultur anstrebt; sie sind groß genug, um mit einiger Wahrscheinlichkeit das Erziehungssystem unterhalten zu können, das eine Schriftkultur zum Fortbestehen braucht; es fehlen ihnen rigide interne Untergruppierungen; ihre Bevölkerungen sind anonym, fließend und mobil …

[Ich leugne nicht], daß die agrarische Welt gelegentlich Einheiten hervorbrachte, die einem modernen Nationalstaat ähnelten; nur daß die agrarische Welt dies nur gelegentlich konnte, während die moderne Welt dies in den meisten Fällen tun muß. …”

“In den geschlossenen lokalen Gemeinschaften der Agrar- oder Stammeswelten waren Kontext, Tonfall, Gestik, Persönlichkeit und Situation ausschlaggebend, wenn es um Kommunikation ging. … Mit der Industriegesellschaft ist eine Gesellschaft entstanden, … die sowohl eine mobile Arbeitsteilung als auch eine ständige, häufige und präzise Kommunikation zwischen Fremden erfordert; dazu gehört die allgemeine Vorherrschaft expliziter Begriffe, die in einem Standardidiom und, wenn erforderlich, schriftlich übermittelt werden. …”

“Die nationalistische Ideologie [leidet] durchgehend unter falschem Bewußtsein. Ihre Mythen verkehren die Realität: Sie behauptet, eine authentische Volkskultur zu verteidigen, während sie doch in Wahrheit eine neue Hochkultur schmiedet; sie behauptet, eine alte Volksgesellschaft zu beschützen, während sie doch in Wirklichkeit dazu beiträgt, eine anonyme Massengesellschaft zu schaffen. …”

“[Die Agrargesellschaft schaffte] politische Einheiten, die entweder kleiner oder viel größer sind, als es den kulturellen Grenzen entspräche … [Deshalb] mußte das Zeitalter des Übergangs zum Industrialismus … auch ein Zeitalter des Nationalismus sein, eine Periode turbulenter Neuanpassung, in der entweder die politischen oder die kulturellen Grenzen oder beide verändert wurden, um dem neuen nationalistischen Imperativ gerecht zu werden …”

aus: Ernest Gellner: Nationalismus und Moderne. Berlin: Rotbuch 1995 (Engl.Orig.-Ausg. 1983), S.8, 200/201, 54/55, 183, 64, hier in dieser Reihenfolge angeordnet.

Abb.: Eko Nugroho: Carnival Trap 2018 (detail), indoartnow, im Internet.

09/03

08/10/2007 (20:50) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Nation

“Für die Künder einer multikulturellen Zukunft ist die Nation historischer Plunder, den sie gerne loswürden. Um ihren Argumenten und Forderungen moralisches Gewicht zu verleihen, greifen sie aber unbekümmert auf die Nation zurück. … Die Gewalttätigkeiten gegen Ausländer werden nicht als zu bekämpfende Erscheinungen des multikulturellen Alltags verstanden, sondern als Wiedererwachen deutschen Ungeistes, gegen den man sich aus dem Arsenal antifaschistischer Rituale wappnet.

Wer mit deutscher Schuld und Verantwortung argumentiert, setzt die Nation als eine historische Schicksalsgemeinschaft und einen gegen andere abgegrenzten Erfahrungsraum voraus, daß Bürgerschaft mehr ist als das bloße Bekenntnis zur Verfassung. Wer verlangt, daß ein Volk aus der Geschichte lerne, muß annehmen, daß da ein Volk existiert, das sich in einer Geschichte wiedererkennt. Es ist die schlechte Pointe des ‘Verfassungspatriotismus’, daß er sich als eine speziell auf die Deutschen gemünzte Therapie verstand.

Was aber sollte in der multikulturellen Republik der Zukunft ein aus Polen stammender Bundespräsident an einem ersten September sagen, dem Tag, als Hitlers Wehrmacht 1939 in Polen einfiel? Sollte er sagen “wir Deutsche” – denn er wäre ja Bürger der Republik Deutschland – hätten eine “besondere Verpflichtung” zur Friedenspolitik? Sollte er bekräftigen, daß die – multikulturell bunt gemischte – Bundeswehr nicht außerhalb des Bündnisses eingesetzt werde? …

Es ist wahr: Die Vorstellung, Einwanderer sollten sich nicht nur zur Verfassung, sondern auch zur deutschen Geschichte bekennen, ist lächerlich. Das wäre das, was gerade nicht sein soll: Die Aufgabe der eigenen Identität. Dann sollten multikulturelle Moralisten aber auch zugeben, daß der multikulturelle Wandel das wirksamste Mittel zur ‘Entsorgung’ der deutschen Vergangenheit ist, wirksamer jedenfalls als der Vergleich der Verbrechen Hitlers mit denen Stalins. …”

aus: Eckhard Fuhr: Keine Vielvökerrepublik, FAZ vom ?

Abb.: Tintin Wulia: Lure, 2009, im Internet.

03/92

08/10/2007 (20:50) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Narzißmus und Eitelkeit

“Die Konzentration auf … das Vorurteil vom lügenden Politiker lenkt uns ab vom schlimmsten Laster der Politik. … 1996 nannte ich dieses Laster die Eitelkeit. Jetzt, einige Jahre danach, würde ich von Narzißmus sprechen. …

Die Eitelkeit des Politikers – sie ist mir bisher fast ausschließlich bei Männern begegnet – … bezieht sich auf … das Gewicht innerhalb der Gruppe, die manche die ‘politische Klasse’ nennen. … Der eitle Politiker ist davon überzeugt, daß ihm, zumindest in der Sparte der Politik, in der er sich hochgearbeitet hat, niemand das Wasser reichen kann. … Der Eitle giert nach Anerkennung, Zustimmung, Bewunderung. Wer sie ihm versagt, ist entweder dumm oder böse. Er muß es büßen. …

Was ich seit 1996 dazulernen mußte, bezieht sich auf das Verhältnis von Narzißmus und Eitelkeit. Es gibt zwar keine Eitelkeit ohne einen gewissen Narzißmus, aber offenbar doch einen massiven Narzißmus ohne aufdringliche Eitelkeit. …

Geckenhafte Eitelkeit war nicht Kohls Sache, und das war das Sympathische an ihm … Kohl ließ die Leute Witze erzählen und festigte seine Macht. Der eitle Politiker bereitet seine Auftritte sorgfältig vor. Hinterher kann er fragen: ‘Wie war ich?’ – [Kohl] wollte gar nicht strahlen. … Er war Kohl, der beste, der richtige Kanzler. Das war genug. … Oskar Lafontanie ließ sich zwar schwer beraten, fast nie von seiner Meinung abbringen. Aber er nahm es auch denen nicht übel, die es versuchten.

Beide, Lafontaine und Kohl, sind dennoch an einem Verhalten gescheitert, das von maßloser Selbstüberschätzung und wohl auch Selbstverliebtheit geprägt war. … Lieber trennte sich Kohl von denen, mit denen er über Jahrzehnte zusammengewirkt hatte, als daß er etwas tat, was der Person Kohl zuwider war. … [Lafontaine interessierte sich nicht für die Arbeit der Programmkommission, der er vorsaß, Lafontaine wollte kein Programm, er war das Programm.] … Hier ist offenbar das Verhältnis zwischen dem Ego und dem Rest der Welt gestört. …

Es gibt offenbar einen Narzißmus jenseits der Eitelkeit, einen Narzißmus, welcher der gemeinen Eitelkeit nicht mehr bedarf. Vielleicht ist Eitelkeit der Narzißmus der Unsicheren. … Der – zumindest nach außen – uneitle Narziß ist von sich selbst so überzeugt, daß er Bewunderung zwar genießt, gelegentlich auch erheischt, aber nicht unbedingt braucht. … Der starke, scheinbar uneitle Narziß ist [übrigens] nur teamfähig, wenn er die Nummer eins ist …”

Ehrhard Eppler: Privatisierung der politischen Moral? Frankfurt(Main): Suhrkamp, S.44-53.

12/02

08/10/2007 (20:49) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Nachbarn

“Es gibt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist, wenn es dir in die Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen. Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät, so entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend gedieh, ähnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase eindringen.

Dieses Wesen ist der Nachbar.”

Rainer Maria Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. Frankfurt: 1991 (1910), S.155. Volltext im Internet: https://www.rilke.de/

08/10/2007 (20:49) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Möbel

“Sie sehen in meinem Zimmer kein Sofa; ich sitze immer in meinem alten, hölzernen Stuhl und habe erst seit einigen Wochen eine Art von Lehne für den Kopf anfügen lassen. Eine Umgebung von bequemen, geschmackvollen Möbeln hebt mein Denken auf und versetzt mich in einen behaglichen, passiven Zustand. Ausgenommen, daß man von Jugend auf daran gewöhnt sei, sind prächtige Zimmer und elegantes Hausgerät etwas für Leute, die keine Gedanken haben und haben mögen.”

Goethe, nach Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe, 25.3.1831, zit. nach Auswahl von Gerhard Merian, Berlin: Fritz Heyder 1911, S.204. Auch im Internet.

08/10/2007 (20:48) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Neue Mittelalterlichkeit

“In der Zweiten Moderne setzen sich … ironischerweise Formationen des Politischen durch, welche mittelalterliche Züge tragen. Transnational-staaten müssen sich die Loyalitäten ihrer Bürger teilen mit anderen regionalen und weltgesellschaftlichen Autoritäten auf der einen, substaatlichen, subnationalen Autoritäten auf der anderen Seite. Diese ‘neue Mittelalterlichkeit’ (H.Bull) heißt: Soziale und politische Bindungen und Identitäten müssen überlappend in Begriffen globaler, regionaler, nationaler Bezugspunkte und Handlungskonzepte gedacht werden.”

Ulrich Beck: Was ist Globalisierung? Frankfurt(Main): Suhrkamp 1997, S.191

08/10/2007 (20:48) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Service militaire

“Qu’est-ce, en effet, que le service militaire sinon la forme pure du quotidien, une longue année plane consacrée à rendre acceptable l’absence totale d’événements? Arraché à la vie civile, on est à la fois rejeté cent ans en arriére et projeté dans un espace d’anticipation, où se parachève le mouvement vers l’abstraction de l’existence, tendanciel dans le reste de la société. Cette étrange expérience de dédoublement temporel peut se résumer ainsi: un an d’armée, un an de science-fiction!

Même si on en souffre passagèrement, on peut refuser l’endoctrinement militaire. Mais comment résister au néant, à l’anesthésie des jours identiques? Plus que le bidasse, c’est le temps que la vie de caserne revêt d’un uniforme, et les parcours du combattant sont moins formateurs, au fond, que ce glissement machinal le long d’une durée vide. On ne s’ennuie pas à l’armée, on s’habitue à trouver l’ennui naturel. Son propre accablement met l’individu sous hypnose, en lui ôtant ses réflexes, en le rendant amorphe. Les brimades, les virées, les copains feront les souvenirs de régiment, mais ce dont le conscrit restera marqué, par-delà le discours et la mémoire, c’est de cette vie minimale, c’est de ce mariage d’ennui contracté, un an durant, avec le réel.

Bruckner, Pascal / Finkielkraut, Alain: Au coin de la rue, l’aventure. Paris: Seuil 1979, S.15

09/04

08/10/2007 (20:48) Schlagworte: FR,Lesebuch ::

Menschenblick

“In der trägen Abendheimkehr der Gasse
Die uns durch die Schläuche der Städte preßt,
Treiben wir ichlos in strudelnder Masse,
Leib mit Leibern, undurchscheinlich und fest.

Doch da weckt aus dem Schlaf des Menschengeschickes
Jäh uns ein Antlitz, berückenden Sinnes schwer,
Und aus dem Wolkenriß eines träumenden Blickes
Starrt eine Ewigkeit, größer als Sonne und Meer.”

aus: Franz Werfel: Menschenblick. In: Thalia-Treffpunkt: Szenen einer Stadt. Programmheft.

Abb.: Koroush Namazi: Sunday in the City, 2020, im Internet.

03/92

08/10/2007 (20:47) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Meinungsumfragen (Deutschland)

“… Statistiken haben in der Tat einen Wert, weil die Deutschen ganz und gar aufrichtig antworten, wie Luther es sie gelehrt hat. Keine Tricks all’italiana, auch keine Liebenswürdigkeiten dem Interviewer gegenüber. Man antwortet nicht, wie man denkt, daß es erwartet würde, so wie wir es tun, und auch nicht trotzig. … Dies erklärt, warum in Deutschland die Wahlergebnisse so genau berechnet werden können. … Die Deutschen sind ehrlich aus Pflichtbewußtsein und auch aus Unsicherheit. Ziel der Umfrage ist vor allem, zu wissen, ‘wer wir sind’ und wer ich bin in Bezug auf die anderen. Wenn ich mogle, verliert das ganze Spiel seinen Sinn.”

Roberto Giardina: Anleitung, die Deutschen zu lieben. München: Goldmann 1998 (Ital. Originalausg. 1994).

12/05

08/10/2007 (20:47) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Meinung 1

(FR)

“Zwischen denen die Mitglied einer Partei sind, weil sie deren Ideale teilen und denen, die diese Ideale teilen, weil sie Mitglied der Partei sind, gibt es alle Schattierungen. … Im Allgemeinen glauben wir, der Beitritt zu einer Partei sei in zuallererst eine programmatische Entscheidung. … Diese Art und Weise die Dinge zu sehen, ist eine enorme Fehleinschätzung: Sie setzt voraus, daß der Bürger seine Überzeugungen gebildet habe, bevor er der Partei beitritt, was nur äußerst selten der Fall ist. Beitritt und Mitgliedschaft sind viel häufiger soziologisch als intellektuell motiviert, sie sind eine Sache der Werte, aber auch des Klassenbewußtseins, des Lebensstils, der Familientradition und sozialer Bindungen.”

Alain Eraly: Le pouvoir enchaîné. Être ministre en Belgique, Bruxelles: Labor 2002, S.101/102, Meine Übersetzung.

02/03

08/10/2007 (20:46) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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