MALTE WOYDT

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Dritte Welt

“Da ich in den meisten Relationen über Ägypten die kläglichsten Jeremiaden über das Elend dieser unglücklichen Klasse gelesen hatte, so war ich nicht wenig verwundert, meistens kräftige, gesund aussehende und lustige Menschen zu finden, die singend und lachend ihre Arbeit verrichteten, von den Aufsehern höchst nachsichtig behandelt wurden und selbst das Bakschis (Trinkgeld), um das sie uns ansprachen, nur im Scherz zu verlangen schienen. Ihr Ansehen war allerdings zerlumpt, aber wo sieht man es im Orient wie auch in Griechenland anders? Das Klima verlangt so wenig, und Ordnung und Reinlichkeit gehört noch nicht zu den Tugenden dieser Länder. Ich habe später diesem Gegenstand fortwährende Aufmerksamkeit geschenkt und die feste Überzeugung gewonnen, daß die hiesigen Fellahs im Vergleich mit manchen andern ihrer Kameraden in Europa, zum Beispiel den irländischen Bauern, welche doch Untertanen des erleuchtetsten Gouvernements in der zivilisierten Welt sind, oder den armen Webern im Vogtlande, von denen ich erst heute, im Jahre 1843, in den Zeitungen las, daß sie ihren täglichen Verdienst höchstens auf zwei Gröschel bringen könnten, und wenn ihre einzige Nahrung, die Kartoffeln, fehlschlugen, dem Hungertode nahe kämen – daß, sage ich, diese Fellahs sich, obgleich mancher Härte und Willkür ausgesetzt, die ich nicht ableugnen will, doch immer noch in einer Lage befinden, welche viele unsrer Proletarier oft beneiden könnten.

Die Häuser der Fellahs sind meistens kleine Hütten von an der Sonne gedörrten Lehmsteinen oder auch nur von getrocknetem Lehm aufgeführt, ohne eine andere Öffnung als die Türe. Aber diese Wohnungen sind meistens dicht und warm im Winter, immer vor leichtem Regen und Unwetter, was ohnedem so selten hier eintritt, geschützt, schattengebend im Sommer und geräumig genug für die geringen Bedürfnisse dieser Leute, während in Griechenland selbst die Wohlhabenderen unter den Landleuten selten ein Dach besitzen, das nicht Schnee und Regen durchließe, und erinnert man sich vollends der von erstickendem Rauch angefüllten Schweineställe, in denen die armen Irländer hungern und die in jenem verhältnismäßig so kalten Klima fast gar keinen Schutz gewähren, so richtet sich das Mitleid nach einer ganz andern Seite.

Die Fellahs sind arm; aber in den geringsten Dörfern Ägyptens, wo ich hinkam, fand ich fast immer Brot, Milch, Butter, Käse, Eier, Gemüse in Fülle, auch Geflügel, in den größeren selbst Schlachtfleisch, was man uns gern für einen sehr billigen Preis zum Verkauf anbot, sobald nur kein Gouvernementsbeamter dabei war, deren Raubsucht allerdings zu den Kalamitäten Ägyptens gehört – während in Griechenland häufig Zwiebeln und ein fast ungenießbares Maisbrot das einzige sind, was man sich verschaffen kann, auch die Leute selbst dort in der Regel von gleicher Kost leben müssen wie in Irland von Kartoffeln und Whiskey. Endlich hörte ich noch nie, daß ein Fellah verhungert sei, was zur Schande der Menschheit bei den irländischen Bauern notorisch schon öfters vorgekommen ist und vielleicht heute noch möglich sein mag.

Die Fellahs sind ferner höchst elend gekleidet, aber auch hier ist der Vergleich zu ihrem Vorteil, denn erstens bedürfen sie bei dem milden Klima fast gar keiner Kleidung; zweitens habe ich bis jetzt noch nicht gesehen, daß die hiesigen Weiber, gleich den irländischen Frauen und Mädchen der gemeinen Klasse, nicht einmal Lumpen genug besaßen, um ihre Blöße soweit zu bedecken, als es die Schamhaftigkeit gebietet. Im Gegenteil erblickt man die Weiber der Fellahs, wenn auch oft in zerrissenen Gewändern, doch immer wie die übrigen Morgenländerinnen bis an den Mund verhüllt, wozu sie meisten 5-6 Goldstücke, in einer Reihe vorn vom Antlitz bis auf die Brust herab aufgenäht, tragen, was ebenfalls mit der bodenlosen Armut nicht recht übereinstimmen will, von der unsre philantropischen Reisenden uns ein so abschreckendes Bild entwerfen, weil sie wohl den Strohhalm im fremden Auge, aber den Balken im eigenen nicht sehen. Ich glaube, daß mitten in Paris und London teilweise gräßlicheres Elend nachzuweisen ist, als in ganz Ägypten gefunden werden kann. … Wer aber frisch aus Europa hier debarkiert und zum erstenmal das gemeine Volk in Schmutz und Lumpen gehüllt sieht, was im Orient gang und gäbe, in Europa aber nur die Livree des höchsten Elends ist, dessen Einbildungskraft wird zu leicht ergriffen, und er sieht von nun an mit gefärbter Brille, im Fall er nicht gar absichtlich falsch sehen will.”

Hermann Fürst von Pückler-Muskau Aus Mehemed Alis Reich Ägypten und der Sudan um 1840. Geklaut beim Gutenberg-Projekt: https://www.gutenberg2000.de/pueckler/mehemed/mehe105.php

Abb.: Banksy.

07/10/2007 (22:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Diskussion

“Seit der ‘Protestbewegung’ der späten 60er Jahre heißt diskutieren bekanntlich soviel wie Demokratie üben, und zwar in jeder Lebenslage. Wer Diskussion verweigert, hat sich damit als autoritär entlarvt. Da umgekehrt der Wille zur Diskussion schon ein politisches Bekenntnis ist, erübrigt sich fast der Vollzug der Diskussion im Sinne des Austragens von Meinungsverschiedenheiten.

Konsequent sagt man nicht mehr über etwas diskutieren sondern: etwas diskutieren (‘das müssen wir mal diskutieren’), etwa im Sinne von etwas beschwören, beteuern, rituell bekräftigen. Verstärkte Form: etwas politisch diskutieren (bis ca. 1972; heute veraltet) oder etwas inhaltlich diskutieren (bis ca. 1976; heute nicht mehr hinreichend).

Die zunehmende Entpolitisierung des Verbs drückts sich darin aus, daß es wieder möglich ist (seit etwa fünf Jahren), ‘kontrovers’ zu diskutieren, was ja die alte Bedeutung von diskutieren war (beliebte Form: ‘etwas diskutieren, und zwar kontrovers’). …

[Der Ausdruck hat] alle Konkurrenzausdrücke – über etwas reden oder sprechen, etwas bereden, erörtern, beraten; über etwas streiten, debattieren usw. in sich [aufgesaugt]. …

Die damit erreichte Vereinheitlichung der wissenschaftlichen Kommunikation erlaubt und erfordert nun wieder Differenzierungen, z.B.: etwas methodologisch / inhaltsspezifisch / praxisrelevant diskutieren; etwas abschließend oder ein Stück weit diskutieren; etwas durch-, aus-, oder andiskutieren …

Klaus Markus Michel: Der Grundwortschatz des wissenschaftlichen Gesamtarbeiters seit der szientifischen Wende. In: Jürgen Habermas (Hg.): Stichworte zur “Geistigen Situation der Zeit“, Bd.2: Politik und Kultur. Frankfurt(Main): Suhrkamp 1979, S.824.

07/10/2007 (22:54) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Deutsche 1

“Die deutsche Emigration unterschied sich von den anderen durch ihren schwerfälligen, langweiligen und zänkischen Charakter. Es gab bei ihr keinen Enthusiasmus wie bei den Italienern, es gab weder Hitzköpfe noch rasche Zungen wie bei den Franzosen. …

Die französische Frechheit hat nichts gemein mit der deutschen Grobheit. Der Mangel an allgemein üblicher weltmännischer Haltung, der schwerfällige schulmäßige Doktrinarismus, die übermäßige Vertraulichkeit, die überflüssige Offenherzigkeit bei den Deutschen erschweren für Leute, die daran nicht gewöhnt waren, den Umgang mit ihnen.

Aber auch die Deutschen selbst waren nicht sonderlich um Kontakt bemüht, da sie sich einerseits in ihrer wissenschaftlichen Entwicklung für weit höher stehend als andere betrachteten, andererseits in Gegenwart der übrigen das peinliche Gefühl nicht los wurden, das Provinzler in einem großstädtischen Salon und Beamte in einem aristokratischen Kreise befällt.

Alexander Herzen: Die gescheiterte Revolution. (1867), ausgewählt von Hans Magnus Enzensberger, Frankfurt(Main): Suhrkamp 1977, S.270

07/10/2007 (22:53) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

DER SPIEGEL

“Unter der Drapierung durch … [den SPIEGEL-]Jargon sind weder die Züge Goethes noch die von Dylan Thomas wiederzuerkennen. … Was den SPIEGEL-Text von jeder anderen Fassung des Sachverhaltes unterscheidet, ist … nicht nur dessen Trübung durch Jargon und verstecktes Vorurteil, sondern auch seine angestrebte Humorigheit. …

Story und Nachricht schließen einander aus. … Sein Ruf als der eines wohlunterrichteten Blattes hat darunter nicht gelitten. Das mag … daran liegen, daß sich DER SPIEGEL die Informationen, die er verarbeitet allerhand kosten läßt. …

Die Spezialisten im SPIEGEL-Archiv sind im Grunde die einzigen, die vermöge ihres Trainings in der Lage sind, den Informationsgehalt des Blattes zu analysieren. … Als falsch gilt in diesem Verstand nur eine Behauptung, die zu einem Rechtsstreit führen kann, der für die Zeitschrift aussichtslos wäre. …
[Wer meint], Informationen von öffentlichem Interesse ließen sich nur zwischen den Zeilen publizieren, … hält Zensur für eine Selbstverständlichkeit und hat sich mit ihr schon abgefunden. …

Das Blatt hat keine Position. Die Stellung, die es von Fall zu Fall zu beziehen scheint, richtet sich eher nach den Erfordernissen der Story, aus der sie zu erraten ist; als deren Pointe. … Wer nicht bereit ist, Stellung zu beziehen … der schränkt seine Kritik von vorneherein auf bloße Taktik ein. … Was dem SPIEGEL an kritischer Potenz fehlt, versucht er durch inquisitorische Gestik zu ersetzen. …

Moralisch entlastet das Verfahren den Konsumenten. … Intellektuell klärt es ihn über seinen faktischen Zustand, den der Ignoranz, keineswegs auf. …

  1. Die Sprache des SPIEGEL verdunkelt, wovon sie spricht.
  2. Das deutsche Nachrichtenmaganzin’ ist kein Nachrichtenmagazin.
  3. DER SPIEGEL übt nicht Kritik, sonden deren Surrogat.
  4. Der Leser des SPIEGEL wird nicht orientiert, sondern desorientiert.

Jedes Volk … verdient die Presse, die es nötig hat. Daß wir ein Magazin vom Schlage des SPIELGEL nötig haben, spricht nicht für das Blatt, das die Masche zu seiner Moral gemacht hat; es spricht gegen unsere Presse im ganzen, gegen den Zustand unserer Gesellschaft überhaupt; es spricht mit einem Wort, gegen uns.”

aus: Hans Magnus Enzensberger: Die Sprache des “SPIEGEL”. [1957], hier zitiert nach: H. Mayer: Deutsche Literaturkritik, Bd.4, Frankfurt(Main) 1983, S.544-566.

05/93

07/10/2007 (22:53) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Denknormen

“der linke Diskurs [beruht] auf einer ganzen Reihe von Denknormen …, die wie Tabus gehandhabt werden. Dazu zählt, daß Frauen im Grunde die bessseren, kompetenteren Menschen sind; daß Kinder, … ‘an die Macht‘ gehören; daß Engagement Priorität vor Distanz genießt; daß, wo Rationalität sich nicht ganz vermeiden läßt, die Linken die Rechten ausstechen; daß es mit der Umwelt heute schlechter steht denn je; daß die Gewalt, die Erwachsene gegen die Heranwachsenden, Männer gegen Frauen üben, jedes bekannte Maß übersteigt; daß der öffentliche, berufliche Raum das ganz alltägliche Grauen beherbergt und man sich vor Nachstellungen und übler Nachrede kaum noch zu helfen weiß, daß Dritte-Welt– und Ökoläden zeitgemäße Ausdrücke des Gutseins bilden; daß ‘Zivilisation’ Terror und ‘KulturFreiheit bedeutet. … Im gemeinsamen Nenner dieser und weiterer Dogmen, die nichts an sich heranlassen, steht ‘Selbstgerechtigkeit’. …

[Sie äußert] sich hierzulande besonders penetrant … . Dies mag mit unser aller Neigung zusammenhängen, an den heiligen Ernst reiner Prinzipien zu glauben … Aber das ist nicht alles. Weiteres kommt hinzu. … Der westdeutschen Kulturrevolte vom Ende der sechziger Jahre fehlte etwas, was die anderen Protestler diesseits wie jenseits des Atlantiks nie aus dem Auge verloren – eine, und sei es auch nur minimale, Identifizierung mit dem eigenen Gemeinwesen. …”

Wolfgang Engler: Der freudlose Diskurs. Standbilder der deutschen Linken. In: Freibeuter 116, 1994, S. 128 u.132.

07/10/2007 (22:52) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Demokratie, Versprechen der

“[Es] scheint … mir … sinnvoll, die Überlegung auf den Unterschied zwischen den demokratischen Idealen und der ‘realen Demokratie’ zu konzentrieren. … Von diesen nicht eingehaltenen Versprechen der Demokratie nenne ich sechs. …

[1.] Die Gruppen und nicht die Individuen sind die Protagonisten des politischen Lebens in einer demokratischen Gesellschaft von heute. … Das auf die Volkssouveränität gegründete Modell des demokratischen Staates, das man sich in Analogie zur Souveränität des Fürsten vorstellte, war das Modell einer monistischen Gesellschaft. Die reale Gesellschaft, die den demokratischen Regierungen zugrundeliegt, ist pluralistisch. …

[2.] [Der] endgültige Sieg der Repräsentation von Sonderinteressen über die politische Repräsentation. … Für dieses System charakteristisch ist ein Dreiecksverhältnis, in dem die Regierung … nur noch als Vermittler zwischen den gesellschaftlichen Gruppen interveniert sowie allerhöchstens noch als (in der Regel ohnmächtiger) Garant für die Einhaltung der geschlossenen Abkommen. …

[3.] Das Übermaß an Partizipation, das zum von Dahrendorf so genannten und beklagten Phänomen des ‘totalen Bürgers‘ führt, kann zum Überdruß´an der Politik und zu wachsender Apathie der Wähler führen. Oft ist die Gleichgültigkeit vieler der Preis, den man für das Engagement weniger zahlen muß. …

[4.] Wenn man wissen will, ob in einem gegebenen Land eine Entwicklung der Demokratie stattgefunden hat, so sollte man nicht danach Ausschau halten, ob die Anzahl derjenigen gestiegen ist, die zur Beteiligung an den sie betreffenden Entscheidugen berechtigt sind, sondern danach, ob die Anzahl der Räume oder Bereiche gewachsen ist, in denen man dieses Recht ausüben kann. Solange in einer fortgesetzten Industriegesellschaft die beiden großen Blöcke einer Macht von oben, das Unternehmen und der Verwaltungsapparat, noch nicht vom Prozeß der Demokratisierung ergriffen wurden – wobei wir hier das Urteil darüber, ob dies nicht nur möglich, sondern auch wünschenswert ist, suspendieren -, kann der Prozeß der Demokratisierung noch nicht als abgeschlossen gelten. …

[5.] Kein antiker Despot, kein absolutistischer Monarch der frühen Neuzeit, und wenn er sich mit Tausenden von Spionen umgab, war jemals in der Lage, all die Informationen über seine Untergebenen zu besitzen, die heute die demokratischsten aller Regierungen aus dem Gebrauch der elektronischen Datenverarbeitung ziehen kann. … Eine Entwicklungstendenz, die den Prämissen der Demokratie zuwiderlief: … die Tendenz, die nicht zur maximalen Kontrolle der Macht durch die Bürger hinführt, sondern im Gegenteil zur maximalen Kontrolle der Untertanen seitens der Macht. …

[6.] Auch die wohlwollendsten Interpretationen können mir nicht den Gedanken daran rauben, daß sich die großen demokratischen Schriftsteller schwer daran täten, in der Weigerung vieler Bürger, ihr Recht auf politische Beteiligung zu gebrauchen, eine Frucht der Erziehung zur Bürgerschaft zu erblicken. …

Von nicht eingehaltenen Versprechen sprach ich. Aber waren es denn Versprechen, die eingehalten werden konnten? Ich würde sagen, nein. … Das politische Projekt der Demokratie [wurde] doch für eine Gesellschaft von sehr viel geringerer Komplexität entworfen, als es die heutigen Gesellschaften sind. Die Versprechen wurden nicht eingehalten aufgrund von Hindernissen, die man entweder nicht vorhergesehen hatte oder die im Gefolge der ‘Transformationen’ der (bürgerlich-zivilen) Gesellschaften hinzukamen. … Ich nenne drei socher Hindernisse. …

[1.] Die Demokratie beruht auf der Hypothese, daß alle über alles entscheiden können. Die Technokratie geht im Gegensatz dazu davon aus, daß nur die wenigen zur Entscheidung berufen sind, die von der Materie etwas verstehen. …

[2.] Der Bürokratisierungsprozeß war in hohem Maße ein Ergebnis des Prozesses der Demokratisierung. …

[3.] Außerdem steht die Geschwindigkeit, mit der die Forderungen seitens der Bürger an die Regierung gestellt werden, im Kontrast zur Schwerfälligkeit, mit der es die komplexen Verfahren eines demokratischen Systems der politischen Klasse erlauben, die notwendigen Entscheidungen zu treffen. …

Nichtsdestotrotz … auch die von ihrem Ideal am weitesten entfernte Demokratie kann keinesfalls mit einem autokratischen und noch weniger mit einem totalitären Regime verwechselt werden. … Die so oft verlachten formalen Rechte der Demokratie haben zum ersten Mal in der Geschichte Techniken zur Lösung sozialer Konflikte ohne den Rekurs auf die Gewalt eingeführt. …”

Noberto Bobbio: Die Zukunft der Demokratie. In: ders.: Die Zukunft der Demokratie. Berlin: Rotbuch 1988, S.7-33.

01/93

07/10/2007 (22:51) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Demokratie, “bürgerliche”

“Die gelegentlich vertretene Meinung, daß die ‘bürgerlicheDemokratie, wie sie heute beispielsweise in der Bundesrepublik besteht, die ideale Entsprechung kapitalistischer Produktionsverhältnisse darstelle und von der Bourgeoisie bewußt zur Absicherung ihrer Herrschaft geschaffen worden sei, ist grundfalsch. … Praktisch alle wichtigen Strukturelemente der sogenannten ‘bürgerlichen’ Demokratie sind nicht listig oder gnädig vom Kapital gewährt, sondern von der Arbeiterbewegung erstritten worden – so auch das allgemeine Wahlrecht. Die politische Demokratie, wie wir sie heute haben, ist gegen den Widerstand der Bourgeoisie geschaffen und wird gegen den Widerstand des Kapitals zu verteidigen sein.

Weit davon entfernt, das ideale Herrschaftsmittel des Kapitals zu sein, stellt die ‘formale’ Demokratie vielmehr eine permanente Bedrohung der Kapitalherrschaft und der bestehenden Privilegien dar.”

aus: Johano Strasser: Die Zukunft der Demokratie. Reinbek 1977, S.137-138.

Abb.: Aditya Novali: 70 A Monument of Reality, Time and the People #3 2015, indoartnow, im Internet.

01/92

07/10/2007 (22:51) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Cordon Sanitaire

“Het is niet de bedoeling van het cordon om het Vlaams Blok klein te houden of klein te krijgen. Het is wel de bedoeling om het Vlaams Blok van de macht te houden. Dat is tot op vandaag zeer goed gelukt. Misschien was het Vlaams Blok zonder cordon nu al ergens aan de macht. Ik lees en hoor vooral slordig geformuleerde gedachten of gedachten die tot slordige conclusies leiden. Laat die alstublieft niet het glijmiddel worden om de democratie in gevaar te brengen. Onduidelijkheid is het laatste wat we nu nodig hebben.”

“De tekst van het cordon is zeer strikt: er worden geen akkorden gesloten of meerderheden gevormd met het Vlaams Blok. Ofwel blijft die afspraak overeind ofwel niet. Je kunt niet ‘een beetje’ het cordon doorbreken.”

“Het cordon is gebaseerd op een ethische afweging, namelijk dat de democratie niet iets is om in vraag te stellen of over te leveren aan partijen die de spelregels ervan niet respecteren. … Het is toch niet omdat het Vlaams Blok de verkiezingen heeft gewonnen dat de argumentatie die voorheen gold om het cordon overeind te houden nu plots niet meer geldig zou zijn?”

aus: “Laat ons vooral niet morrelen aan de pijlers van de democratie’. Jos Geysels im Interview, De Morgen, 19.6.2004.

“Vanaf 1950 hebben de meeste West-Europese landen gedurende tientallen jaren een feitelijk cordon sanitarie ingevoerd tegen de communistische partijen, hoewel die bijvoorbeeld in Italië en Frankrijk soms bijna 40 procent van de stemmen haalden. Wie heeft dat ooit ondemocratisch genoemd? …

In de eerste plaats gelden in een democratie enkele basiswaarden: de mensenrechten. Iemand als Filip Dewinter, die in 1993 die rechten ‘valse schijnwaarden’ heeft genoemd, en dat nooit heeft verloochend, komt dus voor een plaats in een regering of voor een burgermeesterschap niet eens in aanmerking. Dat geldt eveneens voor een partij die jarenlang racisme en vreemdelingenhaat heeft aangewakkerd, en die stellingen nooit als foutief heeft afgewezen. Het volstaat niet te zeggen dat zoiets niet meer in het programma staat, men moet er duidelijk afstand van nemen en zeggen dat het onaanvaardbaar was.

… in een democratie [wordt] een regering of een schepencollege gevormd … door een partij of een coalitie van partijen die de helft +1 van de zetels heeft. Meer moet dat niet zijn. Het Blok heeft dat nog nooit gehaald. Waarover klaagt men dan? De Britse liberaal-democraten hebben dat ook nooit gehaald en zijn dus nooit in een regering opgenomen. Ik betreur dat, maar het is democratisch gezien volkomen correct.”

aus: Etienne Vermeersch: “Cordon sanitaire”, Het Nieuwsblad, 19./20.6.2004. Zie ook “Wie bekämpft man Rechtsextremismus?”

Zie ook extern Webseite Charta91

Abb.: taz on social networks, 30.1.25

06/04

07/10/2007 (22:50) Schlagworte: Lesebuch,NL ::

Büchersammler


“Ich ging die Chaussee nach Darmstadt entlang, wechselte von Zeit zu Zeit den schweren Seesack, den ich aus Amerika mitgebracht hatte, von einer Schulter auf die andere. Ich muß mir von dem Deutschland, in das ich kam, keine Vorstellung gemacht haben, sonst hätte ich den Sack mit Nahrungsmitteln vollgestopft, anstatt mit Büchern.

Ich habe zweimal in meinem Leben meine Bücher verloren: das erstemal wurden sie 1933 von der Gestapo beschlagnahmt, das zweitemal 1943 von Bomben zerstört. In den amerikanischen Lagern konnte man Bücher kaufen; ich kaufte mir Jeffersons Life and Selected Writings, die Essays von Emerson, Henry Adams Democracy und die Education. Thorreaus Walden und die Varieties of Religious Experience von William James (die ich aber nie gelesen habe), ein Werk über moderne amerikanische Malerei sowie Romane und Erzählungen von Cabell, O’Henry, Henry James, Sherwood Anderson, Hemingway, Scott Fitzgerald, Faulkner, Wilder, Steinbeck, Erskine Caldwell. Unter all diesen amerikanischen Büchern befand sich nur ein einziges deutsches: Ernst Jüngers Auf den Marmorklippen; ich habe es zwischen zwei Kontinenten hin und her geschleppt.

Der Sack und sein Inhalt waren übrigens im September 1945 das Einzige, was ich besaß. Ich war 31 Jahre alt. Jetzt, dreißig Jahre später, besitze ich eine Bibliothek. Eine Bibliothek, zweihundert Schallplatten, ein Stereogerät, ein Auto, einen Garten, ein Haus. So sind wir. Von Zeit zu Zeit nimmt man uns unsere Bücher und Wohnungen weg, aber emsig beginnen wir, immer wieder von neuem, uns Bücher und Wohnungen anzuschaffen.”

aus: Alfred Andersch: Der Seesack. In: Das Alfred Andersch Lesebuch. Hg. von Gerd Hoffmann, Zürich 1979, S.83.

Abb.: Sidney Hoff, The New Yorker, 7.4.51.

04/92

07/10/2007 (22:49) Schlagworte: DE,Lesebuch ::

Buchgeschenke

“… Sicherlich gehört zu den Methoden, sich seines Besitzes zu entledigen und dennoch gleichzeitig als Besitzender erkannt zu sein, Benjamins große Leidenschaft des Schenkens. Er beschenkte Freunde nicht mit Dingen, die nur teuer waren, sondern als treibe ihn das schlechte Gewissen dessen, der mehr hat als der Beschenkte (was in den seltensten Fällen zutraf), trug seine Gabe den Ausweis geistigen Anspruchs, ohne aber ihren materiellen Wert verleugnen zu können: Der Büchersammler Benjamin schenkte vorzugsweise Erstausgaben. … [Benjamin hielt später als Maxime fest:] ‘Gaben müssen den Beschenkten so tief treffen, daß er erschrickt.’.

Wie jeder Bücherkenner, der an der Grenze zum Bibliomanen sich bewegt, hatte Benjamin ein durchaus erotisches Verhältnis zu Büchern. … Mit der Freudschen Bestimmung vom Verhalten des Kleinkindes, das sein Spielzeug nicht deswegen wegwirft, weil es sich von ihm befreien, sondern weil es dieses zurückhaben will, läßt sich von Benjamins Schenklust sagen, daß er wertvolle Bücher aus seiner Bibliothek weggab, um sie irgendwann lustvoll in einem Antiquariat wieder zu finden. Er gab den Dingen ihre Freiheit, zu ihm zurückzukehren, wie lange er auch warten müßte. …”

Werner Fuld: Walter Benjamin. Eine Biographie, Reinbek 1990: 18-19.

12/91

07/10/2007 (22:47) Schlagworte: DE,Lesebuch ::
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